Dr. Christof Eichert: Wie kann ein Europäisches Jahr zur Engagement-Förderung in Deutschland beitragen?

- Dr. Christof Eichert
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich danke, dass ich an der Nahtstelle zwischen wichtigen grundsätzlichen Reden und der praktischen Arbeit am Nachmittag zu Ihnen sprechen kann. Sie wissen, dass ich bis Ende des vergangenen Jahres in Düsseldorf eine Ministerial-Abteilung leiten durfte, die sich den wichtigen gesellschaftspolitischen Themen und dabei auch der Engagement-Förderung gewidmet hat. Nun leite ich eine Stiftung, die sich in besonderer Weise dem Bürgersinn und bürgerschaftlichen Engagement widmet.
Nach den Grundsatzreden möchte ich Sie ermutigen, den Weg zum eigenen Diskutieren am Nachmittag zu finden. Doch bevor Sie engagiert losstürmen, um sich spannenden Fragen um PR für das Engagement in Kommunen, die Gewinnung engagementferner Zielgruppen, die Vernetzung in Deutschland und Europa und die Engagementförderung durch Unternehmen und Stiftungen zu widmen, will ich Sie bitten, innezuhalten und einige Gedanken mit mir zu teilen.
Zu Beginn eine Frage: was ist unsere eigene Position, wenn wir andere zum Engagement gewinnen oder stärken wollen? Wer sind eigentlich „wir“? Der „Staat“, der um Hilfe ruft? Wir „Berufs-Engagierten“, die ihre Aufgaben sichern wollen und dazu freiwillig Engagierte brauchen?
Wer sind vor allem jene, die wir mit unseren Überlegungen und Erwartungen ansprechen und zu mehr Engagement bewegen wollen? Sind es die „nützlichen Idioten“, wie es die Süddeutsche Zeitung vor einem Monat in einem Beitrag schrieb? Und geht es um einen „Sparstrumpf“ für klamme öffentliche Haushalte, eine neue BEK, gleich Bürgerschaftliche Ersatz-Kasse? Überdies: Sind die Freiwilligen in ihrem Einsatz eher Störer im Betriebsablauf der seit Jahrzehnten tätigen Helferstrukturen, der Profis einer staatlich finanzierten Wohlfahrt?
Die überwiegende Mehrheit in unserem Land schreibt dem vielfältigen Engagement im Ehrenamt große Kraft und gesellschaftlichen Nutzen zu. Wir alle wissen um die Bedeutung der Freiwilligen für die gesellschaftliche Kultur in unserem Land. Die Reden und ausgezeichneten Beispiele heute Vormittag beleuchten diese Bedeutung erneut eindrucksvoll. Eine andere Meinung zeigt sich aber gegenüber denen, die immer wieder öffentlich fragen, wie man noch mehr bürgerschaftliches Engagement bewirken kann. Vor allem engagierte Menschen selbst bewegt die Sorge, sie könnten „nützliche Idioten“ in einem ihnen fremden System sein. Der erwähnte Beitrag der SZ ist Echo dieser Befürchtung.
Welche Botschaften über uns und unsere Motive geben wir mit unseren Beiträgen zum Thema Freiwillige? Sind wir Botschafter eines geschwächten Staates auf der Suche nach „Ersatz(dienst)leistern“? Oder reden wir am Beginn dieses Europäischen Jahres auch über eine bürgerschaftliche Haltung?
Der Zuhörer nimmt die Suche nach dem engagierten Bürger vor allem aus dem Mund der kleinen und großen Politik wahr. Am Tag des Ehrenamtes erklingen wohlmeinende Lobesworte, die meist am nächsten Tag verstummt sind. An ihre Stelle treten in den Haushaltsdebatten besorgte Äußerungen darüber, welche laufenden Aufgaben die öffentlichen Kassen nicht mehr finanzieren können. Nun müssten sich – so die allseits beschworene Formel – eben die Bürger stärker engagieren. Selbst wenn die finanziellen Sorgen absolut berechtigt sind, wirkt der routinierte Appell bei den Engagierten fatal. In ihrer Vielzahl und immergleichen Wiederholung erwecken die wohlfeilen Handlungsaufforderungen und guten Zureden an die Bürger den Eindruck, in den Freiwilligen sei eine Ersatzkasse gefunden. Echte Wertschätzung sieht anders aus!
Veränderungen beginnen damit, dass wir erkennen, was uns gemeinsam prägt und bewegt. Dabei ist unsere kollektive Erfahrung zum Thema Engagement durch die Aufgabenteilung zwischen Staat und Gesellschaft geprägt - durch ein Verhältnis also, das sich kontinuierlich von der engagierten Bürgerschaft weg- und zum staatlich finanzierten und institutionell organisierten öffentlichen Wohl hin entwickelt hat. Viele Aufgaben sind in den letzten Jahrzehnten in hauptamtlich-professionelle Strukturen geleitet worden, wo sie sicher gut erledigt wurden, nun aber einen zu großen Brocken für zu kleine Kassen darstellen.
Wir haben uns an diese für den Bürger nur scheinbar komfortable Aufgabenerledigung gerne gewöhnt. Die öffentlichen Hände würden schon dafür sorgen, dass aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Bedürfnisse erfüllt werden. Der Gedanke ist zunächst durchaus systemkonform: das deutsche Gesellschafts- und Sozialsystem ist im Prinzip darauf aufgebaut, dass der Staat das öffentliche Wohl definiert und mit Steuergeldern das Wohlergehen seiner Bürger garantiert, indem er umverteilt.
In Deutschland gilt der Grundsatz „Freiheit und Wohlfahrt durch den Staat“. In den Vereinigten Staaten gilt der Grundsatz „Freiheit vom Staat“ und sogar im erstaunlich großen Umfang „Wohlfahrt durch Wohltat“. Von diesem amerikanischen Prinzip können wir in Deutschland sicher viel lernen. Aber: Ein US-amerikanischer Bürger hat quasi schon mit der Muttermilch ein anderes Verständnis für Wohlfahrt, Engagement und Spendenbereitschaft aufgenommen als sein deutscher Zeitgenosse. Dieser ist eher geprägt von einem Denken, das mit den Bismarckschen Sozialreformen einsetzt. Deshalb ist es für mich – bei allem, was wir in Deutschland vom Bürgersinn der Amerikaner lernen können – problematisch, beide Systeme zu vermischen und die Beispiele für philanthropisches Verhalten in den USA auf unser Land zu übertragen. Wir brauchen unseren eigenen Weg.
Bei der Suche nach diesem Weg geht es um eine Neudefinition des Verhältnisses zwischen Bürgergesellschaft und Staat. Beide Teile sind unersetzlich und aufeinander angewiesen. Sie begegnen sich in einem demokratisch-republikanisch verfassten Staat auf Augenhöhe. Das hat Konsequenzen für beide Seiten: Der Bürger gibt Rechte und Pflichten an demokratisch legitimierte Institutionen ab. Die öffentlichen Hände aber anerkennen im Gegenzug die Selbstbestimmung und Selbstorganisationskraft der Bürger bei der Erfüllung von Aufgaben innerhalb der Bürgergesellschaft an. Für die Administration folgt daraus das Gebot der Zurückhaltung. Sie muss akzeptieren, dass Bürger eine eigene Sicht auf ihre Anliegen haben, ihre Interessen formulieren und die zur Realisierung nötigen Freiräume beanspruchen.
Die öffentliche Hand muss sich auch damit abfinden, dass die angebotenen Freiräume für bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe nicht von jeder Person gleichermaßen genutzt werden und bürgerschaftliche Angebote nicht für jeden gleichermaßen zugänglich sein können. Zudem gilt es zu akzeptieren, dass solche Angebote aus der Mitte der Zivilgesellschaft manchmal nur auf Zeit existieren und in anderen Perioden eine Lücke klafft, bis sich erneut Menschen finden, die aktiv werden, um diese Lücke zu schließen.
Es bedarf auch eines neuen Selbstverständnisses der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen und Wohlfahrtsverbänden. Sie müssen bürgerschaftliches Engagement akzeptieren, begleiten und unterstützen, anstatt es bewusst oder unbewusst zu lenken. Ein solches Verständnis einer unterstützenden öffentlichen Hand im Vergleich zu einer dirigierenden öffentlichen Hand muss zu einer persönlichen Haltung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden. Ein Helfer-Syndrom mit der stillen Botschaft, die öffentliche Hand könne eigentlich alles viel besser erledigen, es fehle nur am notwendigen Steuergeld, ist falsch.
Bei der Suche nach einer neuen Balance müssen auch die von den öffentlichen Händen alimentierten Träger der Wohlfahrtspflege zu einer echten Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und ehrenamtlich Engagierten ermutigt werden. Wir brauchen eine ernst gemeinte Koordination von professionell-hauptamtlicher Arbeit und freiwilligem Engagement. Ansonsten könnte man, so die SZ in ihrem Beitrag, ja als öffentliche Hand auch kommerzielle Anbieter als Dienstleister beauftragen.
Ganz generell ist meine Überzeugung, dass Dienstleistungen, seien sie nun vom Staat oder den Wohlfahrtverbänden wahrgenommen, eine ganz andere Qualität bekommen, wenn sie aktiv von Bürgern mit gestaltet werden. Das muss nicht heißen, dass sie von Engagierten statt Hauptamtlichen übernommen werden, Es ist eine Frage der Beteiligung bei der Entwicklung und Gestaltung solcher Leistungen. Der Anspruch auf eine aktive Mitgestaltung der Gesellschaft ist das Selbstverständnis der meisten engagierten Menschen. Es ist klar, dass diese Haltung nicht bequem ist. Aber viele Kollegen, die sich aufgemacht haben, dies zu beachten, berichten, dass genau diese Form von Engagement eine Vitalisierung von kommunaler Selbstverwaltung und repräsentativer Demokratie bedeutet. Und aktuelle Ereignisse in unserem Land zeigen, was passiert, wenn man sich dieser Partizipationsdebatte nicht stellt.
Bei der Entwicklung von Modellen für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Institutionen und engagierten Bürgern können Stiftungen und sozial engagierte Unternehmen hilfreich und innovativ sein. Zwar sind sie bei noch so gutem Willen nicht in der Lage, die knappen Kassen zu füllen oder zu ersetzen. Selbst alle verfügbaren Bar-Mittel der deutschen Stiftungen eines Jahres reichen zusammen genommen nicht einmal aus, um die laufenden Kassenkredite der drei höchst verschuldeten nordrhein-westfälischen Groß-Städte auszugleichen.
In ihrer Eigenschaft als eigenständige Akteure sind sie jedoch in der Lage, unabhängige Partner der Bürgerschaft zu werden. Dabei können und wollen sie Menschen helfen, ihre eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Stiftungen möchten Bürgern mit Initiativkraft Entwicklungen ermöglichen, die sie ohne die Stiftung zwar angestrebt, aber nicht hätten realisieren können.
Unser Verständnis als Herbert Quandt-Stiftung ist nicht darauf ausgerichtet, anderen zu beweisen, dass manche Arbeit der öffentlichen Hände besser gehen könnte. Wir wollen aktive Menschen begleiten und unterstützen, die für sich erkannt haben, wie wichtig ihnen Solidarität und Nächstenliebe ist.
Diese Haltung, etwas für die Gemeinschaft unternehmen wollen, ist es, die uns anspornt. Gestehen wir dabei engagierten Menschen das Vertrauen und die Autorität zu, die sie in sich tragen. Engagierte Bürger handeln ganz ohne Amt, aber mit großer Persönlichkeit; ganz ohne übertragene Insignien, aber mit viel Ausstrahlung und ansteckender Begeisterungsfähigkeit. Es geht ihnen und uns nicht darum, wer zuständig ist – diese Kategorie passt nicht zum Thema – sondern darum, wer Verantwortung übernimmt.
Die Herbert Quandt-Stiftung und mit ihr viele andere Stiftungen und Unternehmen würdigt mit ihren Projekten die Initiativkraft des Einzelnen und die Einsatzbereitschaft für Andere. Wir wollen mit unserem Wirken dazu beitragen, das Ideal des eigenständigen Bürgers zu fördern: wir möchten Menschen anregen, ihre individuellen Begabungen zu entfalten und Verantwortung für sich sowie für das Gemeinwesen zu übernehmen.
Der Bürger als der Unternehmer seiner eigenen Sache, das ist unser Bild eines Partners in der Verantwortung für das gesellschaftliche Wohl. Dieses „Leit“-Bild macht es uns leicht, unsere Beiträge in einer respektvollen Haltung einzubringen. Und wir finden auf diesem Wege charismatische Menschen, denen das Engagement für andere zur Erfüllung ihres Lebens geworden ist.
Unser Beitrag zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit liegt genau hier: in der Stärkung eines bürgerschaftlichen Selbstbewusstsein, für das die eigene Verantwortung zentral ist und das sich nicht als Ersatzkasse mit übertragenen Zuständigkeiten versteht. Stiftungen bieten Plattformen und Innovationsfelder für Menschen, die in unserer Gesellschaft aktiv sind. Wir beobachten und wir freuen uns, dass es immer mehr werden.
Eine Bitte deshalb zum Ende meiner Ausführungen: Lassen wir in diesem Jahr genau jene Menschen sprechen, geben wir ihnen eine Plattform im Europäischen Jahr des Engagements. Treten wir Hauptamtlichen einen Schritt zurück und lassen die Menschen nach vorne, die für andere handeln und nicht über andere sprechen.
Ich will meine Gedanken als Antwort auf die eingangs gestellte Frage zusammenfassen: das Europäische Jahr muss neben allen guten Absichten – heute und in den kommenden Monaten - auch und ganz besonders dringlich dazu dienen, dass sich alle Beteiligten über ihre Haltung zum Engagement einer selbstbewussten Bürgerschaft klar werden. Überprüfen wir unsere leisen und versteckten Botschaften auf die Frage: Leisten wir einen Beitrag dazu, dass die Engagierten wirklich willkommen geheißen und ernst genommen werden oder sind unsere Reden bloß schöne Worte?
Wir brauchen den unbezahlbaren Bürger als solidarischen Helfer, nicht den unbezahlten Bürger als Retter eines unbezahlbaren Systems.
Es gilt das gesprochene Wort.
Bitte wenden Sie sich hinsichtlich einer Weiterveröffentlichung der Rede direkt an die Herbert Quandt-Stiftung.





